• Landestypischer Verkehr – Wie ist der Rumänische Strassenverkehr?
    Anders.

    Wir nennen das intelligent und kooperativ.


    Wir hören sie immer wieder: Die Schauermärchen vom angeblich ach so "chaotischen" Rumänischen Verkehr. Unfug. Neapel ist chaotisch, Athen. Und Kairo. Rumänien ist dagegen einfach: anders. Uns erinnert die Aufregung mancher Zeitungsartikel eher an den schönen Witz vom Geisterfahrer, der im Radio die Warnung vor einem entgegenkommendes Fahrzeug hört. Sagt der Geisterfahrer: "Einer?!? - Das sind hunderte!“ – Fazit: Wenn man versteht, wie's funktioniert, kann man sich anpassen. Ist gar nicht so schwer.

    Zunächst einmal fahren Rumänen mit gesundem Menschenverstand. Also werden Schilder, Limits, Verbote und ganz allgemein Regeln als Empfehlungen verstanden. Bedenkenswert, aber für den selbst denkenden Rumänen nicht bindend. Warum sollte man auf einer schnurgeraden, autobahnähnlichen Ortsdurchfahrt auf 50 km/h runter bremsen? Andererseits sieht man auch auf leeren Landstraßen immer wieder Altwagenfahrer (alter Wagen und/oder alter Fahrer), die das Tempolimit nicht ausschöpfen, da es wohl überhalb der eigenen Grenzen liegt.

    Dieser gesunde Menschenverstand führt zu einer gehörigen Portion Toleranz gegenüber „situativem Fahren“. Selbst bei der Polizei. Wir können Geschichten erzählen, in den die Polizei uns nicht etwa vom Bürgersteig verscheuchte, sondern ermunterte noch ein paar hundert Meter weiter zu fahren, weil erst dann der Fahrbahnbelag wieder motorradtauglich sei...

    Und genau diesen gesunden Menschenverstand erwarten Rumänen auch von den Verkehrspartnern. Sie halten Dich schlicht für intelligent. Will heißen, es wird kooperativ gefahren. Man pocht nicht auf sein Recht, sondern arrangiert sich. Das hört sich gut an, und das ist es auch. Du wirst in Rumänien kaum den „deutschen Klassiker“ erleben, dass Dir ein Autofahrer im Stau die Gasse absichtlich dicht macht, weil „es ja noch schöner wäre, wenn Du schneller wärst“. Eher winkt Dich einer am Bahnübergang nach vorne, damit Du nicht danach in der Kurve überholen musst. Überhaupt lässt man sich Überholen, wenn’s der andere eiliger hat. Und der bedankt sich dann, mit kurzem Einschalten der Warnblinker. Allerdings ist das Überholen für manchen erst mal gewöhnungsbedürftig. Überholt wird nämlich immer, wenn Platz ist. Und für zwei Autos und ein Motorrad ist auf fast jeder Straße Platz. Also erwartet der überholende Rumänische Autofahrer von Dir, dass Du mitdenkst und so alle drei nebeneinander durchkommen. Wenn man das mal begriffen und emotional verinnerlicht hat, bekommt man auch keine Schnappatmung mehr, wenn einem zwei Fahrzeuge nebeneinander entgegenkommen. Der Überholende hat nämlich sehr wohl geschaut, ob für Dich noch genug Platz bleibt. Umgekehrt hatten wir bei Überlandfahrten mit regem Verkehr auf der Landstraße auch schon das Gefühl, mit Sonderrechten unterwegs zu sein. Da wird einem völlig selbstverständlich bei 70 km/h auch von den Entgegenkommenden eine Gasse gebildet, über die man sich in Deutschland beim Blaulicht-Einsatz freuen würde. Einfach genial.

    Gesunder Menschenverstand schließlich ist auch hilfreich, beim Umgang mit ungewöhnlichen, bzw. ungewöhnlich langsamen Verkehrsteilnehmern. Das Pferdefuhrwerk ist in Rumänien kein folkloristischer Schnick-Schnack, sondern ein Alltagsverkehrsmittel. Langsam – und(!): Unbeleuchtet. Schon deshalb fährt man nicht bei Dunkelheit. Und natürlich hält man von einem Pferd mehr Abstand als von einem LKW. Und wo wir grad bei Tieren sind. Nicht nur Hunde laufen in Rumänien oft frei rum. Ebenso Schafe, wilde Esel, Kühe und einem Kollegen sind – auf der Straße(!) – auch schon mal zwei Bären begegnet. Apropos Esel: Drahtesel sind in Rumänien ebenfalls ein oft genutztes Transportmittel. Und ebenfalls langsam und unbeleuchtet. Schließlich kann in Rumänien in einer uns fremden Häufigkeit selbst auf Landstraßen auf Prozessionen, Hochzeitsumzüge und ähnliches treffen. Unser Rekord besteht in sechs Hochzeitszügen innerhalb einer halben Stunde.

    Noch eines zum Schluss: Rumänen sind – nicht nur im Verkehr – deutlich weniger aggressiver als das, was wir von daheim kennen. Wir finden das angenehm. Nur hat das beim Hupen mitunter zur Folge, dass man damit gar nix anfangen kann. Beim Einparken kam uns mal eine Rumänin mit Ihrem Gefährt bedrohlich nahe, reagierte allerdings nicht auf unser Hupen, sondern erst, als wir an ihre Scheibe klopften. Freundliche Frage unsererseits: „Hast Du uns denn nicht gehört?“ – Sagt sie: „Doch schon, aber ich wusste nicht...“

    Unser sicher nicht überraschendes Fazit: Mit Hirn und Umsicht (also gesundem Menschverstand) fahren.

    Immer auf Sicht.
    Nie am Limit.
    Und mit Gelassenheit und Kooperationsbereitschaft.




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